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Hervorragende Funktionalität

Der Wasserturm machte 1935 Schluss mit der Wasserversorgung aus den Brunnen
Von Christa Neckermann

Osterholz-Scharmbeck. „Mama, was ist das da für ein Hochhaus?“ Das kleine Kind deutet an der Ampel Lindenstraße auf das hohe, aus rotem Klinker erbaute, ernsthaft wirkende Gebäude mit den schmalen, langgestreckten Fenstern, das auf dem Grundstück Lindenstraße 66 steht.
„Das ist kein Haus, Schatz, das ist ein Turm.“ – „Ein Ritterturm?“ „Nein, keine Ahnung, was für ein Turm, ich glaube, das war mal ein Aussichtsturm!“
Es ist kaum zu glauben, aber irgendwie hat der Wasserturm etwas von diesen großen, ruhigen Männern, wie sie angeblich im Teufelsmoor ansässig sind: Trotz ihrer Größe ruhig und unauffällig erfüllen sie ihre täglichen Aufgaben, aber keiner bemerkt wirklich, was sie den ganzen Tag lang geschafft haben.
So kommt auch der Wasserturm rüber. Auf der Suche nach Informationen über ihn erwies er sich als erstaunlich diskret und unauffällig, fast schon schüchtern.
„Geboren“ wurde er 1935. Nach nur viermonatiger Bauzeit, nur unter Einsatz von Muskelkraft und Hebelwirkung (Krane gab es damals dazu noch nicht) nahm er seinen Platz auf dem höchsten Punkt Osterholz-Scharmbecks, den 37,2 Metern auf dem Gelände der heutigen Lindenstraße 66, ein und erhöhte diesen Punkt um weitere 26,22 Meter auf nun 63,42 Meter, womit die Turmbrüstung sogar noch um gute neun Meter höher liegt als der natürliche höchste Punkt im Teufelsmoor, der Worpsweder Weyerberg.
Erschaffen haben den Turm auf Ratsbeschluss und nach den Plänen des Bremer Architekten Max von Essen die für die Maurerarbeiten zuständige Firma Steeneck & Mevius aus Osterholz-Scharmbeck, die Betonarbeiten übernahmen Windschild & Langeloff aus Bremen. Das Pumpwerk errichtete Maurermeister Hermann Steeneck aus Osterholz-Scharmbeck, für die Klempnerarbeiten zeichnete Christian Garner aus Osterholz-Scharmbeck verantwortlich und die Zimmerarbeiten übernahm Zimmermeister Dietrich Murken, der ebenfalls in Osterholz-Scharmbeck ansässig war. So stellt sich der Turm als echtes, handgearbeitetes Osterholz-Scharmbecker „Urgestein“ den Neugierigen vor.
Doch warum brauchten die Osterholz-Scharmbecker plötzlich einen Wasserturm, obwohl doch auch bis dahin die Versorgung mit frischem Trinkwasser durch die vielen öffentlichen Brunnen und private wie öffentliche Pumpstationen gesichert war? Zum Baden ging man und frau ja in das Badehaus, das 1926 an der Straße „Am Deich“ am alten Teich der „Röhrichtenschen Kornmühle“ entstanden war. Dieses Badehaus wurde durch eine britische Bombe am Anfang des Zweiten Weltkrieges zerstört und nicht wieder hergerichtet.
Die Wasserversorgung war in Scharmbeck nie mit großen Problemen verbunden, denn es bestanden eine Reihe von „natürlichen“ Wasserleitungen, die die Bevölkerung mit dem wertvollen Nass versorgten. „Natürliche“ Wasserleitungen waren Anlagen, die in Ortschaften angelegt werden konnten, deren Häuser tiefer lagen als die Quellen der umliegenden Erhebungen. In hügeligen Gegenden kam man leicht und ohne große Ausgaben zu solchen Wasserleitungen – ohne Wasserturm und Druckpumpenanlage. Erforderlich waren dazu nur – je nachdem, wie viele Haushalte an die Leitung angeschlossen werden sollten – eine kleinere oder größere Anzahl von Sammelbrunnen und die zur Leitung nötigen Rohre, die meist aus ausgehöhlten und ineinander gesteckten Erlenstämmen bestanden, die mit Wachs und Hanf abgedichtet, und der besseren Haltbarkeit wegen mit etwa 20 Zentimeter Lehm abgedeckt wurden.
Wozu also einen Wasserturm bauen? Nun, in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren gerade die Nationalsozialisten an die Macht gekommen, Deutschland litt unter einer großen Arbeitslosigkeit. Um die Menschen wieder in Lohn und Brot zu bekommen, wurden überall „Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“ ins Leben gerufen, die Regierung investierte in Projekte, die allen zu Gute kamen.
Zwischen 1933 und 1935 wurde in Osterholz-Scharmbeck daher ein städtisches Wassernetz installiert, das den Gang zu den Brunnenanlagen und Pumpstationen, wie sie beispielsweise an der Hohetorstraße/Neue Straße, der Winterberg-straße, Hundestraße, Bahnhofstraße/Lange Straße und Findorffstraße sowie auf dem Marktplatz standen, überflüssig machte.
Der nun entstandene Turm aus rotem Klinker entsprach äußerlich dem Zeitgeist, innen präsentierte er sich völlig dem Zweck ergeben, den Osterholz-Scharmbeckern Leitungswasser zu spenden.
Die zwei in den Wasserturm eingebauten Wasserbehälter hatten ein Fassungsvermögen von einmal 160.000 Litern und einmal 50.000 Litern, zusammen also 210.000 Liter Wasser für die wachsende Stadtbevölkerung, das hier im Turm gespeicherte Wasser sorgte für einen konstanten Druck im Wassernetz der Stadt.
Der größere Wassertank im Erdgeschoss versorgte dabei die „Niederdruckzone, der höher gelegene mit 50 m³ die „Hochdruckzone“ der am 1. Dezember 1935 in Betrieb genommenen Wasserversorgung der Kreisstadt.
Das Wasser für die Versorgung der Stadt wurde am Rande der Hammeniederung gewonnen, wo es in zwei großen Brunnen gesammelt und aufbereitet wurde. Andere Probebohrungen, die an der Loge, am Sandbecker Bruch und im Krummwinkel durchgeführt wurden, hatten sich als unergiebig erwiesen. Um dieses Wasser in die Haushalte zu verteilen, wurden damals 25 Kilometer Ortsrohrleitungen und 15 Kilometer Hausanschlussleitungen verlegt.
Bis 1978 verrichtete der stramme Jung´ auffällig unauffällig seine wichtige Tätigkeit für die Stadt.
Dann wurde Osterholz-Scharmbeck amerikanischen Garnisonsstadt, und neue Wohngebiete entstanden, die natürlich auch an die Wasserversorgung angeschlossen werden mussten. Insbesondere für die Wohngebiete der damaligen US-Garnison, die Ende der Siebziger Jahre in Osterholz-Scharmbeck in höher gelegenen Gebieten angesiedelt waren, musste im Bereich Garteler Weg ein neuer Trinkwasserbehälter angelegt werden.
In der neuen Trinkwasserversorgungsanlage konnte die 15fache Wassermenge gespeichert werden – rund drei Millionen Liter, die ebenfalls in zwei Tankanlagen untergebracht sind.
Doch der alte Turm war noch nicht bereit, abzutreten. Seine majestätische Höhe prädestinierte ihn geradezu, die Funkantennen der Feuerwehr, der Osterholzer Stadtwerke sowie eines Mobilfunkbetreibers (damals E-Plus) aufzunehmen.
Von 1978 bis 2008 diente er sogar in den Sommermonaten als Aussichtsturm, der öffentlich zugänglich war, bevor er wegen notwendiger Sanierungsarbeiten geschlossen wurde. Von der Aussichtsplattform in über 60 Meter Höhe hat man eine hervorragende Rundum-Sicht auf die Hammeniederung, das Teufelsmoor und – an klaren Tagen – bis nach Bremen. Besonders die Türme der Hansestadt waren von hier aus gut zu erkennen.
Im Inneren des Turms herrschte nach wie vor technische Spärlichkeit, auch war es darin feucht und muffig, denn das Gebäude hatte keine Heizung. Im Laufe der Jahre führte dies zu Feuchtigkeitsschäden, sodass die Stadtwerke, die 2012 versuchten, den alten Wasserturm an einen liebevollen Nachnutzer mit nachhaltigem Konzept für die Stadt zu verkaufen, selbst zum symbolischen Preis von einem Euro niemanden fanden.
„Es wäre uns gar nicht so sehr um das Geld gegangen, wir haben nach einem Konzept gesucht, bei dem der alte Turm seine Würde hätte behalten können. Wir benötigen ihn ja noch heutigen Tags für den städtischen Funkverkehr“, meinte Jürgen Möller, bei den Osterholzer Stadtwerken für Kommunikation zuständig.
Als sich bis Ende Dezember 2012 kein entsprechender Investor fand, übernahmen die Stadtwerke Osterholz den Turm wieder ganz in ihre Verantwortung. Sie investierten gute 100.000 Euro in die Sanierung des Turms.
Dabei wurde der Turm auch äußerlich aufgepeppt: ein 2,40 Meter langes Leuchtband aus LED-Lampen zieht sich um die oberen Fenster und lässt nachts, wenn sich das andere Wahrzeichen auf der hoch gelegenen Lindenstraße, die alte Mühle von Rönn, sich schon längst schläfrig in die Anonymität der Dunkelheit zurückgezogen hat, die oberen Fenster frech im Wechsel einmal blau und einmal Grün erstrahlen.
Das sind nicht nur die Farben der Stadtwerke Osterholz, sondern sie symbolisieren auch, worauf die Stadtväter der Kreisstadt stolz sind: die Verbundenheit zur umliegenden Natur, den grünen Wiesen und Weiden und darüber dem blauen Himmel eines Sonnentages.
Das Wasser, das die Osterholz-Scharmbecker zu Dienstzeiten des alten Wasserturms aus der Hammeniederung bezogen, kommt heutigen Tags klar, frisch, lecker und günstig aus den regionalen Wasserwerken Meyenburgs und Wallhöfens des Wasser- und Abwasserverbandes (WAV) Osterholz.
(Quellen: Stadtwerke Osterholz, Internet: Seite „Teufelsmoor EU“, Kreisarchiv: Heimatbote Nr. 23 vom 7. November 1926; Johan Segelken: Osterholz-Scharmbecker Heimatbuch, 2. Auflage 1953; Stadtbibliothek: Chronik von Osterholz-Scharmbeck, Band II, von 1930 bis 2001.)