+49 4791 - 14 90 71
info@wort-perfekt.de

Ein Fest der Körperbeherrschung

Chinesischer Nationalcircus auf Jubiläumstournee in der Stadthalle
Von Christa Neckermann

Osterholz-Scharmbeck. Wer sich schon mal im Fernsehen das französische Festival International du Cirque de Monte Carlo angesehen hat, wird sicherlich über die akrobatischen Fähigkeiten besonders der chinesischen Artisten gestaunt haben. Jetzt kamen 30 Top-Artisten aus dem Reich der Mitte in die Stadthalle, um hier ein Feuerwerk akrobatischer Höchstleistungen zu zelebrieren.
Die Artisten des chinesischen Nationalcircus stehen im gleichen Verhältnis zu olympischen Hochleistungssportlern wie etwa ein Silvesterfeuerwerk zu einer großen, ausgeklügelten Feuerwerkskreation.
Mit federnder Spannkraft, anmutig und präzise zugleich, nehmen die jungen Künstler die Bühne ein und verwandeln sie in einen Schauplatz chinesischer Kulturdarstellung. Als 1989 der Wiener Multimediakünstler André Heller zum ersten Mal den Chinesischen Nationalcircus einem europäischen Publikum präsentierte ahnte sicherlich trotz des außerordentlichen Erfolges damals niemand, dass genau dieses Projekt Hellers in den folgenden drei Jahrzehnten die Menschen in Europa mit immer neuen Geschichten und akrobatischen Wundern so berühren würde.
Bei der Jubiläumstournee hatten sich die Akrobaten, Kontorsionskünstler, Jongleure, Zauberer, Tänzer und Clowns die Geschichte der Chinesischen Mauer zur Vorlage genommen, um spielerisch-akrobatisch sowohl über Verbindendes wie auch Trennendes einer Mauer zu philosophieren. Dabei sind durchaus die Schwerkraft überwindende Darbietungen entstanden.
Und egal wie hoch auch die Sprungkraft dieser fast nur noch aus starken, ineinandergreifenden Federn bestehender Künstler auch war – ihr „Auftritt“ war leise, sanft, wie schwebend. Dies, zusammen mit den prächtigen Kostümen, bot dem Publikum einen echten Augenschmaus.
Die Jongleure leisteten fast schon Unglaubliches, oder haben Sie, lieber Leser, schon einmal den Balanceakt einer Flasche Wasser auf einem Luftballon, der auf einer Messerklinge steht, gesehen? Da blieb dem Publikum vor Staunen die Luft weg. Oder auch die Kunst, einen auf einem Finger rotierenden Topf in einen anderen auf einem Finger rotierenden Topf zu befördern war so überraschend, dass das Publikum manchmal direkt zu verblüfft war, um zu applaudieren.
Die Jonglage mit schweren chinesischen Blumentöpfen bot ebenfalls diverse Schwierigkeiten, besonders dann, wenn sich die Künstler diese Töpfe sozusagen treffgenau auf die Scheitel warfen.
Auch dass Humor universell ist und keiner besonderen Sprache bedarf, zeigten die Akteure des Chinesischen Nationalcircus, wenn sie etwa eine Tellerjonglage für dem erzählerischen Hintergrund einer Küche vorführten und sich dabei noch zwischendurch ein Omelett zubereiteten. Und obwohl es manchmal etwas knapp wurde, blieb doch jeder Teller, wie zu erwarten, heil.
Genauso heil wie bei dem siebenköpfigen Mädchenballett, die jeweils drei Tellerchen in den Händen hielten und damit nicht nur elegante Tanzschritte ausführten, sondern auch menschliche Pyramiden bildeten oder sich zu schier unlösbar scheinenden Knoten verknüpften.
Das Balancieren von zehn kunstvoll zu einer Drachenfigur zusammengesteckten Holzbänke auf der Stirn gehörte ebenso zu der Show, die so vollgespickt war mit Höhepunkten, dass es schwerfiel, nicht fasziniert zu sein. Auch der Kampf des weißen gegen den schwarzen Drachen war eine artistische Meisterleistung.
Wunderschön anzusehen war auch ein Jonglageakt mit einer Kristallkugel, die dem Künstler so sanft durch die Hände glitt, dass sie im Raum zu schweben schien. Überhaupt schien alles, was diese chinesischen Ausnahme-Jongleure durch ihre Hände, über ihre Arme oder Füße gleiten ließen, den Gesetzen der Schwerkraft nicht mehr zu gehorchen, sondern sich allein der Kunstfertigkeit der Akteure hingaben, um das Publikum zu verzaubern. So, wie die ineinander verschachtelten bunten Sonnenschirme, die auf einmal zu einem bunten Strauß exotischer Blüten wurden, die eine Künstlerin auf den Zehenspitzen herumwirbelte.
Nach der Pause war Zeit für verblüffende Zauberei und länderübergreifenden Humor. Eine Art Kung-Fu Slapstick war in der dargebotenen Art auch ohne Worte verständlich und überaus amüsant und brachte den voll besetzten Saal der Stadthalle herzhaft zum Lachen.
Ja, es war wieder etwas Besonderes, dass sich das Stadthallenmanagement hier für die Osterholz-Schambecker und Gäste ausgedacht hatte. Die Nummernschilder der geparkten Fahrzeuge auf dem Parkplatz bewiesen, dass eine ganze Reihe Gäste aus dem Umland in die Kreisstadt gekommen waren, um sich dieses circensische Meisterwerk nicht entgehen zu lassen. Circus muss nicht laut sein oder ungewöhnliche Tiere bieten – allein die Kunst der menschlichen Körper bietet genug Material für einen ungewöhnlich kunstreichen Abend.
Das sah das Publikum in der Stadthalle ebenfalls so. Und falls auch mal zwischen den einzelnen Akten der Applaus vor Verblüffung ein wenig zu kurz gekommen war, am Ende dankte das Publikum den dreißig jungen Künstlern durch langanhaltenden, kräftigen Applaus und stehende Ovation.