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Aufräumen hilft gegen Stress

Psychosoziale Notfallversorgung der Kreisfeuerwehr Osterholz
Von Christa Neckermann

Neu St. Jürgen. “Bei einem Verkehrsunfall erlitt ein Mann schwere Verletzungen. Der Fahrer kam mit seinem Fahrzeug von der Straße ab und kollidierte im Seitenraum mit einem Baum. Der Mann wurde in seinem Fahrzeug eingeklemmt und musste von der Feuerwehr mit hydraulischem Gerät befreit werden…“ – So oder ganz ähnlich steht es nicht selten in der Tageszeitung. Was die bewusst nüchtern gehaltenen Worte nicht verraten, sei hier gesagt: Die Retter, die zum Unfallort gerufen werden, sind Angehörige der örtlichen Freiwilligen Feuerwehren, Männer und Frauen aus ganz unterschiedlichen Berufen, manchmal sogar noch Schülerinnen, Schüler oder Auszubildende. Wenn sie zum Unfallort ausrücken hat ihnen ihr Melder nur mitgeteilt, dass es sich um einen Verkehrsunfall handelt, und wo. Was sie an der Unfallstelle erwartet, kann ihnen keiner sagen, vielleicht wollen sie es auch gar nicht wissen. „Das belastet nur“, weiß Volker Schenk, Löschmeister bei der Freiwilligen Feuerwehr in Lübberstedt und gleichzeitig seit 2017 auch Leiter des PSNV-E-Teams der Kreisfeuerwehr Osterholz. Bei der Psychosozialen Notfallversorgung für Einsatzkräfte ist die Kreisfeuerwehr Osterholz in Niedersachsen jetzt Vorreiter.
Welche Bilder sich den Rettungskräften dann vor Ort bieten, möchte man lieber gar nicht genau wissen, und da ist es auch egal, ob es sich um einen Verkehrsunfall handelt, einen Brand oder einen der vielen anderen Notfälle, zu dem die auf ehrenamtlicher Basis arbeitenden Retter gerufen werden. „Wenn wir als Retter weiterhin vernünftig in unseren Hauptberufen, in unserer familiären Umgebung und unserer Freizeit funktionieren wollen ist es wichtig, geistig und seelisch richtig mit diesen Herausforderungen umzugehen. Daher bieten wir in den Wehren, die zur Kreisfeuerwehr Osterholz gehören, Dienstschulungen an. Zu einem erfolgreich durchgeführten Einsatz gehört auch immer die Eigensicherung, und das heißt hier die psychische Stabilität“, erklärte Schenk.
Und so sitzen hier an diesem Abend 18 Männer und Frauen der Ortswehr Neu St. Jürgen und hören zu, was Volker Schenk, Hinrich Horstmann und Franziska Manek (letztere kommen aus der Ortsfeuerwehr Schwanewede) ihnen über den praktischen Umgang mit Stress – hier besonders der nach einem Einsatz – erzählen. Der Dienstunterricht umfasst drei Teile: Stressbewältigung für Einsatzkräfte, Selbstfürsorge im Einsatz und darüber hinaus, und die Seelische Erste Hilfe. An diesem Abend geht es um Teil zwei, die Selbstfürsorge im Einsatz und darüber hinaus.
„Bei belastenden Einsätzen bietet das PSNV-E-Team sowohl eine Einsatzbegleitung wie auch Einsatznachbesprechungen an. Zur Einsatzbegleitung können wir direkt nachalarmiert werden – eine entsprechende Rufschleife wird gerade eingerichtet. Zu den Einsatznachbesprechungen kommen wir zu den Kameraden und führen entweder direkt nach dem Einsatz ein so genanntes „Defusing“ (etwa: „Entschärfung“, also das kurze Einsatznachsorgegespräch) durch, oder kommen für ein Debriefing (das ausführliche Einsatznachsorgegespräch) in das Feuerwehrhaus. Außerdem können wir bei Bedarf auch vertrauliche Einzelgespräche mit den Kameradinnen und Kameraden führen“, erläuterte Schenk. Daher ist es auch so wichtig, dass die einzelnen Einsatzorganisationen wie DLRG, THW; DRK, Rettungshundestaffel, Polizei und Feuerwehr eigene PSNV-Teams haben. „Wenn ich einem Feuerwehrfremden erst erklären muss was es bedeutet, unter Atemschutz in ein verqualmtes Gebäude zu gehen und mich unter geringer Sicht in einem unbekannten Raum zu einem um Hilfe rufenden Menschen vorzuarbeiten, dann nützt mir seine Hilfe nichts. Viel besser ist es, das mit einem PSNVler, der gleichzeitig Feuerwehrkamerad oder Kameradin ist, zu besprechen, die schon ähnliche Erfahrungen gemacht haben“, machte Schenk deutlich. Aber er kennt auch die Grenzen des PSNV-Teams. „Bei Bedarf regen wir auch die Vermittlung von weiterführender, professioneller Hilfe an.“
Am Dienstabend legte Schenk den Anwesenden eines besonders ans Herz: „Wenn ihr darüber nachdenkt ob es sinnvoll wäre, das PSNV-E-Team anzusprechen, dann ist das schon ein Hinweis darauf, dass ihr es tun solltet.“ Einer der Feuerwehrkameraden hakte sofort nach: „Und dann kommt ihr so aus Schwanewede oder Lübberstedt nach Neu St. Jürgen zu unserem Einsatzort?“ – “Ja, das würden wir tun, denn es ist dann ja auch zu unserem Einsatzort geworden“, bekräftigte Schenk.
Hinrich Horstmann und Franziska Manek erklärten dann den Feuerwehrkameraden die Wirkungsweise des erlebten Stresses. Nach dem Einsatz befinden sich noch jede Menge Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol im Kreislauf, die erst langsam abgebaut werden. Das kann zu unwillkürlichen Bildern vom Geschehen führen, zu Schlafproblemen, Ruhelosigkeit oder einem Bedürfnis, sich zurückzuziehen. „Das ist wie ein seelischer Muskelkater, nach zwei bis vier Wochen sollte aber diese akute Belastung abgeklungen sein“, erläuterte Hinrich Horstmann.
Lange Spaziergänge, tiefe Atmung und ausreichend Schlaf helfen, mit den Folgen des akuten Stresses umzugehen. „Lenkt euch ab, nehmt euch etwas Schönes vor, aber erinnert euch auch ganz bewusst an das Geschehene. Redet darüber mit Personen, denen ihr vertraut, geht unter Leute. All das trägt dazu bei, mit stressigen Geschehnissen besser umzugehen“, riet Franziska Manek ihren Kameradinnen und Kameraden. Jeder reagiert auf eigene Weise auf Belastungen, und ebenso verarbeitet jeder Mensch Belastungen auf seine Art. Aber die wirksamen Verarbeitungsmöglichkeiten lassen sich einem der fünf Prinzipien der „Big Five“ zuordnen: Ein Gefühl von Sicherheit herstellen, sich beruhigen und entlasten, Selbstwirksamkeit und Kontrolle herstellen, Kontakt und Anbindung suchen und das Gefühl von Hoffnung stärken.
Was dann ganz praktisch helfen kann, den erlebten Stress abzubauen, ist, die Eigenkontrolle zu stärken. „Legt fest, was ihr konkret tun wollt: Den PC aufräumen, oder längst überfällige Arbeiten erledigen, zum Beispiel.“
Dazu konnten sich die Feuerwehrleute ihre eigenen Gedanken machen und auf Papier festhalten. „Legt euch das zuhause hin und ergänzt es gern, wenn euch mehr einfällt“, ermutigte Volker Schenk die Einsatzkräfte. „Betrachtet dies als eure „Seelische Persönliche Schutzausrüstung“ für den Notfall, und denkt daran, dass ihr uns jederzeit ansprechen könnt.“
Weitere Informationen zum Thema Psychosoziale Herausforderungen im Feuerwehrdienst gibt es auch im Internet unter www.kreisfeuerwehr-osterholz.de und www.hilfefuerhelfer.de.

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