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Jeden Tag ein bisschen Held

Lübberstedter Feuerwehr auf dorfgemeinschaftlicher Mission
Von Christa Neckermann

Lübberstedt. „Neue Helden braucht das Land“, heißt es immer wieder mal. Und dabei denken die Menschen oft an diese Superhelden, die Bomben mitten im Flug auffangen und entschärfen, reihenweise Bösewichte schachmatt setzen oder die Welt vor irren Wissenschaftlern bewahren.
Viel wichtiger – weil deutlich häufiger anzutreffen – ist es jedoch, die Mitmenschen vor den Folgen von Naturkatastrophen oder menschlicher Unachtsamkeiten zu schützen. Und für solche Fälle gibt es Gott sei Dank viele Helden des Alltags, die -ziemlich unspektakulär – in Minutenschnelle helfen können.
Mit der Nachbarin im Treppenhaus gequatscht und Kleinkind hat die Tür zugemacht? Mit der Zigarette auf der Couch eingeschlafen? Handy im Fahrzeugraum runterfallenlassen und am Baum gelandet? Waschmaschine unbeaufsichtigt laufen lassen und Keller geflutet? Das sind nur einige der Notfälle, zu denen die beschriebenen Helden mal mehr, mal weniger häufig ausrücken müssen. Auch sie tragen, wie Supermann, blaue Arbeitskleidung, doch ihre roten Unterhosen bleiben dem Blick der Öffentlichkeit verborgen. Dafür tragen sie Feuerwehraxt, Brechstange, Sprechfunkgerät und Zusatzbeleuchtung um das Motto der deutschen Feuerwehren „retten -löschen- bergen – schützen“ immer und überall hochalten zu können.
So, wie Sonntag, 8.30 Uhr am Feuerwehrgerätehaus in der Bahnhofstraße 21 in Lübberstedt. Ortsbrandmeister Wolfgang Weigert schließt das Tor auf. Das Einsatzfahrzeug der Lübberstedter Feuerwehr, ein TSF-W (Tragkraft-Spritzenfahrzeug mit Wasser) steht dienstbereit in der Halle. Dahinter versammeln sich zehn Männer zwischen 17 und 67, alle in feuerwehrblauer Arbeitskleidung mit orangenen Arbeitsjacken.
„Tagesaufgabe heute: Einsammeln von Tannenbäumen für unser Osterfeuer! Wir werden das wie im vergangenen Jahr machen, eine Gruppe übernimmt dann den Bereich um den Bahnhof, die andere Gruppe den vorderen Bereich von Lübberstedt. Abladeplatz ist unser Feuerwehrplatz. Fragen?“
Keine Fragen. Mit zwei Traktoren und Anhängern geht es los. Von den 21 aktiven Mitgliedern der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr sind an diesem Tag fünf für den örtlichen Faustballverein auf einem Wettkampf. „Sonst wären wir vermutlich fast vollzählig“, sagt Ortsbrandmeister Weigert.
Doch bevor es losgeht, kommt noch ein Nachbar mit Proviant vorbei. „Weihnachtsschokolade – damit ihr unterwegs nicht vom Fleisch fallt“, meint er schmunzelnd.
Die Lübberstedter Feuerwehr hat neben den aktiven Mitgliedern auch etwas über 200 fördernde Mitglieder, bei etwa 760 Einwohnern macht das gut ein Viertel der Bevölkerung aus, die sich hier für die Dorfgemeinschaft engagieren. Denn genau darum geht es. „Wir tun das für unsere Ortschaft. Wir kommen aus allen möglichen Berufen – Handel, Handwerk, Büro. Unsere Mitglieder arbeiten mit der gleichen Ausrüstung, mit der die Berufswehren in den großen Städten arbeiten und wir haben sogar die gleiche feuerwehrtechnische Ausbildung. Aber wir schlafen in unseren eigenen Betten, wenn der Melder losgeht, oder verlassen unseren Arbeitsplatz um denen zu helfen, die in Not geraten sind“, erläutert Wolfgang Weigert. Dabei hat sich das Aufgabengebiet der Freiwilligen Wehren in den letzten Jahrzehnten verändert. Statt Brände zu löschen sind nun die Hilfeleistungen in den Vordergrund der Einsätze gerückt. Verunglückte Autofahrer aus ihren Wracks bergen, Ölspuren beseitigen, Straßen von umgestürzten Bäumen befreien und vollgelaufene Keller leerpumpen gehören nun zu den häufigsten Aufgaben der Männer und Frauen, die als Freiwillige Feuerwehrleute im Landkreis unentgeltlich Dienst tun. Laut Deutschem Feuerwehr-Verband gab es (Stand 2016) über 995 Tausend Freiwillige Feuerwehrleute gegenüber knapp 64 Tausend Berufsfeuerwehrleuten (davon die Hälfte Werksfeuerwehren). Dabei hat sich in den vergangenen Jahren auch der Anteil der Feuerwehrfrauen erfreulicherweise erhöht.
Viele dieser neuen Aufgaben sind für die Freiwilligen Helfer sehr belastend. Verunglückte Autofahrer oder Brandopfer bergen verlangt den Hilfskräften viel ab. Um mit diesem Stress besser umgehen zu können, gibt es seit 2018 im Landkreis Osterholz ein PSNV-E-Team, (Psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte) das vom Lübberstedter Feuerwehrmann Volker Schenk geleitet wird. Hier arbeiten aktive Feuerwehrkameraden und Kameradinnen, die speziell für diese Aufgaben ausgebildet wurden und die Hilfe zur Selbsthilfe anbieten. Mit verschiedenen Dienstunterrichten, Einsatzbegleitungen oder strukturierten Einsatznachbesprechungen – aber auch vertraulichen Einzelgesprächen – helfen sie ihren Kameradeninnen und Kameraden, mit belastenden Stresssituationen besser umzugehen. Das PSNV-E-Team der Kreisfeuerwehr Osterholz ist unter 0160/98423318, oder per E-Mail psnv@kfw-ohz.de zu erreichen.
Wie sehr ansonsten der Dienst der Freiwilligen für die Gemeinschaft geschätzt wird, zeigt sich an der Dauer des Tannenbaum-Sammel-Einsatzes: Bei etlichen Lübberstedtern musste ein Halt eingelegt werden, damit in gemütlicher Runde ein Kaffee getrunken werden konnte. „Geld bekommen wir nicht für unseren Einsatz, aber jede Menge Material für unser Osterfeuer, das 2019 am 20. April auf unserem Feuerwehrplatz stattfinden wird“, sagte Wolfgang Weigert schmunzelnd.

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